Bertelsmann Stiftung
KOMPIK: Kompetenzen und Interessen von Kindern

Sprache und frühe Literacy in der Kita

Wie kann sich ein Kind in Gesprächsrunden sprachlich ausdrücken? Versteht es den Sinn einer Geschichte? Hat es Spaß an Reimen und Sprachspielen? Kennt es viele Wörter und Begriffe? Sprachliche Kompetenzen sind wichtig fürs Lernen und um in der Kita zurechtzukommen, haben aber auch langfristig eine große Bedeutung. Ihr Stellenwert in der Elementarerziehung ist daher sehr hoch (Kultusministerkonferenz 2002, 8).

Wie gut Kinder sich sprachlich entwickeln, hängt stark davon ab, welche Anregungen sie aus ihrer Umwelt erhalten. Dies gilt für sprachliche Kompetenzen im engeren Sinn, z.B. den Wortschatz, betrifft aber auch den Bereich „early literacy“, d.h. frühe Kenntnisse, Fertigkeiten und Interessen mit Bezug zum späteren Schriftspracherwerb. Wesentliche Impulse aus der Umwelt werden zunächst vor allem im Elternhaus gesetzt (vgl. z.B. Landry & Smith 2006). Daneben sind Kindertageseinrichtungen ein wichtiger Rahmen für sprachliches Lernen, weil die meisten Kinder heute einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit dort verbringen und weil viele Kinder in Familien nur unzureichend sprachliche Anregungen erhalten. Tatsächlich gibt es in Kitas eine breite Palette von Möglichkeiten, die sprachliche Entwicklung anzuregen und Kinder sprachlich zu fördern (vgl. z.B. Militzer et al. 2001; Ulich 2005; Jampert et al. 2007; Mayr 2010).

Kitas fördern die Sprachentwicklung

Die Forschung bestätigt, wie wichtig pädagogische Einrichtungen für Sprachförderung und sprachliche Bildung sind: Der Besuch einer Tageseinrichtung wirkt sich insgesamt positiv auf die Sprachentwicklung von Kindern aus (vgl. z.B. Belsky et al. 2007). Dies gilt besonders dann, wenn Kinder einen Migrationshintergrund haben oder aus einem bildungsfernen Milieu kommen (vgl. z.B. Biedinger & Becker 2006). In diesem Sinn können sprachlich anregende Einrichtungen als „Schutzfaktor“ bzw. „Puffer“ wirken (vgl. z.B. Rutter 1990). Zentral ist dabei allerdings die Frage der Qualität von Einrichtungen. Zahlreiche Studien belegen: Positive Effekte stellen sich vor allem dann ein, wenn Einrichtungen ein qualitativ hochwertiges Angebot machen (vgl. z.B. Mashburn et al. 2008). Für Deutschland fanden Tietze et al. (1998) heraus, dass sich Kinder in „guten“ Einrichtungen sprachlich deutlich besser entwickeln als ihre Altersgenossen, die weniger gute Einrichtungen besuchen – Erstere hatten einen sprachlichen Entwicklungsvorsprung von mehr als einem Jahr. Eine Längsschnittstudie von Tietze et al. (2005) zeigt, dass diese Effekte auch Bestand haben: Wirkungen „guter“ Einrichtungen im Sprachbereich waren noch bei 8,5-Jährigen nachweisbar. 

Wissenschaftlicher Hintergrund

Die Zeit bis zum achten Lebensjahr ist zentral für die Ausbildung sprachlicher Kompetenzen und Interessen (Whitehead 2006), aber auch für frühe, vorbeugende Maßnahmen bei ungünstiger Sprachentwicklung und bei Kindern mit Sprachstörungen (vgl. z.B. Treutlein et al. 2008). Sprachliche Fähigkeiten sind sogenannte Schlüsselkompetenzen: Sie sind wichtig für die Bewältigung anderer bedeutsamer Entwicklungsaufgaben, z.B. um mit anderen zu kooperieren oder Handlungen und Gefühle zu steuern. Zudem haben sprachliche Fähigkeiten enormen Einfluss auf die Aneignung von Wissen, den Zugang zu kulturellen Ressourcen, und sie sind bedeutsam für die langfristigen Bildungschancen von Kindern (List 2006; Weinert et al. 2008). Längsschnittstudien belegen einen starken Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung im Vorschulalter und sprachlichen Kompetenzen im Schulalter, z.B. Leseverständnis und Rechtschreibfähigkeit (Storch & Whitehurst 2002; Schneider 2008).

Sprachliche Kompetenzbereiche 

Sprache ist ein komplexes Phänomen, bei dem unterschiedliche, teils recht spezifische Teilfähigkeiten zusammenwirken. Es geht um Sprachausdruck und Sprachverstehen, Satzbau, Wortbildung, Wortbedeutung, Begriffsbildung, Lautbildung, bewusste Wahrnehmung von Lauten, Gesprächsverhalten in sozialen Situationen, Erzählkompetenz. Grimm und Weinert (2008) unterscheiden drei breite sprachliche Kompetenzbereiche und ordnen ihnen einzelne Funktionen zu, die Kinder sich im Laufe des Spracherwerbs aneignen: (1) prosodische Kompetenz (Intonation, Betonung, rhythmische Gliederung), (2) linguistische Kompetenz (Organisation von Sprachlauten, Wortbildung, Satzbildung, Wortbedeutung, Satzbedeutung) und (3) pragmatische Kompetenz (sprachliches Handeln, Kohärenz der Konversation).

Frühe Literacy

Auch der Bereich der frühen Literacy ist in sich vielschichtig (vgl. z.B. Snow 2006; Nickel 2007). Ulich (2003) definiert frühe Literacy als „Sammelbegriff für kindliche Erfahrungen und Kompetenzen rund um Buch-, Erzähl-, Reim-, und Schriftkultur“. Wichtige Teilaspekte sind das Interesse an Büchern, Schriftzeichen und Geschichten, das Wissen um Konventionen von Schrift; Wissen um Schrift als Bedeutungsträger und um die Funktionen von Schrift; Erfahrungen im Umgang mit Büchern; alphabetisches Wissen, d.h. rezeptives und expressives Wissen um Buchstaben.

Sprache und frühe Literacy bei KOMPIK

Der Entwicklungsbereich „Sprache und frühe Literacy“ in KOMPIK kann nicht wie reine Sprachbeobachtungsverfahren die ganze Breite sprachlicher Kompetenzen und Interessen abdecken. Die Fragen konzentrieren sich vielmehr auf einige sprachliche Kompetenzen im engeren Sinne sowie auf ausgewählte Aspekte früher Literacy. Es werden drei Teilbereiche unterschieden:

  • Grammatik: Im Teilbereich Grammatik wird danach gefragt, ob das Kind bestimmte grammatikalische Regeln richtig anwenden kann. Aus dem Bereich „Morphologie“ wurden Strukturen ausgewählt, die sich in der Schwierigkeit und Erwerbsreihenfolge unterscheiden: Pluralbildung, Kasusbildung (Akkusativ, Dativ), Verbbeugung und Bildung des Konjunktivs.
  • Sprechen und Verstehen: Im Teilbereich Sprechen und Verstehen wird erfasst, ob das Kind Handlungsaufträge umsetzen und Fragen inhaltlich angemessen beantworten kann. Zudem ist zu beobachten, ob das Kind sprachlich aktiv wird, etwa beim Erzählen von Geschichten.
  • Frühe Literacy: Die Fragen zum Teilbereich Frühe Literacy beziehen sich auf frühe Interessen und Kompetenzen mit Bezug zum späteren Schriftspracherwerb.
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Ansprechpartner

Literatur

Belksy, J., Burchinal, M., McCartney, K., Vandell, D. L., Clarke-Stewart, K. A., & Owen, M. T. (2007). Are there long-term effects of early child care? In: Child Development, 78, 681-701.

Biedinger, N., & Becker, B. (2006). Der Einfluss des Vorschulbesuchs auf die Entwicklung und den langfristigen Bildungserfolg von Kindern. Arbeitspapier Nr. 97. Mannheim: Universität Mannheim.

Grimm, H., & Weinert, S. (2008). Sprachentwicklung. In: R. Oerter & L. Montada (Hrsg.). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz.

Jampert, K., Best, P., Guadatiello, A., Holler, D., & Zehnbauer, A. (2007). Schlüsselkompetenz Sprache. Sprachliche Bildung und Förderung im Kindergarten. Konzepte – Projekte – Maßnahmen. Berlin: verlag das netz.

Kultusministerkonferenz (2002). PISA 2000 – Zentrale Handlungsfelder. Zusammenfassende Darstellung der laufenden und geplanten Maßnahmen in den Ländern. Beschluss der 299. Kultusministerkonferenz vom 17./18.10.2002. Verfügbar unter http://www.kmk.org/fileadmin/pdf/PresseUndAktuelles/2002/massnahmen.pdf

Landry, S. H., & Smith, K. E. (2006). The influence of parenting on emerging literacy skills. In: D. K. Dickinson & S. B. Neumann (Hrsg.). Handbook of early literacy research, Vol. 2. New York, London: The Guilford Press. 135-146.

List, G. (2006). Die Funktionen von Sprache und Spracherwerb für die kognitive und sozial-kommunikative Entwicklung. In: K. Jampert, K. Leuckefeld, A. Zehnbauer & P. Best (Hrsg.). Sprachliche Förderung in der Kita. Weimar: verlag das netz. 15-21.

Mayr, T. (2010). Jede Kita braucht ein Konzept für sprachliche Bildung. In: kindergarten heute – das leitungsheft, 4, 4-11.

Mashburn, A. J., Pianta, R. C., Hamre, B. K., Downer, J. T., Barbarin, O. A., Bryant, D., Burchinal, M., Early, D. M., & Howes, C. (2008). Measures of classroom quality in prekindergarten and children’s development of academic, language, and social skills. In: Child Development, 79, 732-749.

Millitzer, R., Demandewitz, H., & Fuchs, R. (2001). Wie Kinder sprechen lernen. Düsseldorf: Ministerium für Jugend, Frauen, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen.

Nickel, S. (2007). Beobachtung kindlicher Literacy-Erfahrungen im Übergang vom Kindergarten und Schule. In: U. Graf & E. Moser Opitz (Hrsg.). Diagnostik und Förderung im Elementarbereich und im Grundschulunterricht. Hohengehren: Schneider. 86-104.

Rutter M. (1990). Psychosocial resilience and protective mechanisms. In: J. Rolf, A. Masten & D. Cicchetti (Hrsg.). Risk and protective factors in the development of psychopathology. Cambridge: Cambridge University Press. 181-214.

Schneider, W. (2008). Entwicklung der Schriftsprachkompetenz vom frühen Kindesbis zum frühen Erwachsenenalter. In: W. Schneider (Hrsg.). Entwicklung von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter. Befunde der Münchner Längsschnittstudie LOGIK. Weinheim: Beltz. 167-186.

Snow, C. E. (2006). What counts as literacy in early childhood. In: K. McCartney & D. Phillips (Hrsg.). Handbook of early childhood development. Oxford: Blackwell. 274- 294.

Storch, S. A., & Whitehurst, G. J. (2002). Oral language and code-related precursors to reading: Evidence from a longitudinal structural model. In: Developmental Psychology, 38, 934-947.

Tietze, W., Roßbach, H.-G., & Grenner, K. (2005). Kinder von 4 bis 8 Jahren. Zur Qualität der Erziehung und Bildung in Kindergarten, Grundschule und Familie. Weinheim: Beltz.

Tietze, W., Meischner, T., Gänsfuß, R., Grenner, K., Schuster, K. M., Völkel, P., & Roßbach, H. G. (1998). Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine empirische Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Neuwied: Luchterhand.

Treutlein, A., Zöller, I., Roos, J., & Schöler, H. (2008). Effects of phonological awareness training on reading achievement. In: Written Language and Literacy, 11, 147-166.

Ulich, M. (2003). Literacy – sprachliche Bildung im Elementarbereich. In: Kindergarten heute, 3, 6-18.

Ulich, M. (2005). Lust auf Sprache. Sprachliche Bildung und Deutsch lernen in Kindertageseinrichtungen. Freiburg im Breisgau: Herder.

Ulich, M., Oberhuemer, P., & Soltendieck, M. (2000). Interkulturelle Arbeit und Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen. München: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit.

Weinert, S., & Grimm, H. (2008). Sprachentwicklung. In: R. Oerter & L. Montada (Hrsg.). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz. 502-534.

Weinert, S., Doil, H., & Frevert, S. (2008). Bildungsforschung Band 24. Kindliche Kompetenzen im Elementarbereich: Förderbarkeit, Bedeutung und Messung. Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Whitehead, M. R. (2006). Sprache und Literacy von 0 bis 8 Jahren. Troisdorf: Bildungsverlag EINS.

 
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